Gaudihauptstadt

Meine Hass-Liebe zu München und zum Oktoberfest war immer latent in mir. Als Kind war ich zu Besuch bei meinem Onkel und musste ein Fußballspiel im Olympiastadion anschauen. Es spielten damals noch Sepp Meier und Franz Beckenbauer. Wenn ich mich recht erinnere sogar gegeneinander, warum weiß ich nicht mehr. Zu einer Zeit als das Oktoberfest noch ohne Eingangskontrolle, Security und Taschenverbot auskam. Sicher lässt sich nur sagen, dass ich uralt sein muss, wenn ich das noch gesehen und erlebt haben. Ich fand Fußball damals schon ein dummes Spiel und daran hat sich bis heute nichts geändert. Meine erste Wiesen hatte ich nach einer Trampfahrt durch Jugoslawien und Italien im September 1984 im zarten Alter von 14 Jahren. Mein Onkel hatte im Augustinerzelt (!) immer einen Tisch reserviert. Was heute und damals richtig Geld gekostet hat und man so seine „Reputation“ verbessern konnte oder zeigen kann, wie wichtig man ist. Ich habe die Wiesn überlebt, mein kleiner blöder Bruder wurde im gelben Zelt zum Ausnüchtern gebracht. Zur Überraschung sind die Zelte heute blau (siehe Bilder) und werden mit lauten Trillerpfeifen von ganz wichtigen Ersthelfern durch die Menge bugsiert. Die Dinger braucht man, damit die anderen Wiesnbesucher nicht weiter Bier über den armen Teufel schütten. Es hat sich also nichts wesentlich verändert in der versnobtesten Stadt Europas oder gar der Welt. Lediglich die Pandemie sorgte für eine zweijährige Unterbrechung des Oktoberfestes mit deftigen Entzugserscheinungen.

Einen Teil meiner Schulzeit verbrachte ich ebenfalls in München. Ich wohnte vier Jahre in Neuhausen, fast schon fußläufig zur Wiesn. Damals war das Hippodrom, das Zelt, das nach Schankstopp um 23:00 Uhr noch bis 01:00 Uhr auf hatte. Am Haupteingang hatten wir keine Chance, aber über den Seiteneingang wurden die Türsteher einfach überrannt und schon konnten wir weitersaufen. Wir waren jung und hatten kaum Geld und die Lust am Leben war wichtiger als … was eigentlich.

Das ist auch der Grund, warum ich mich mit diesem und anderen Photoprojekten mit Hedonismus beschäftige. Die Lust am Leben, um nicht gänzlich am Schwachsinn dieser Zeiten kaputt zu gehen. Hedonismus als Ventil. Vielleicht ist es auch der klammheimliche Wunsch: „Kann ich alter (weiser) Sack da noch mithalten?“ Warum zieht es uns in Krisenzeiten in die alte Heimat?

Promis auf der Wiesn sind eine willkommene Abwechslung. Ich traf Jochen Busse. Besser gesagt mein Cousin hat ihn gesehen und erkannt. Ich habe in lediglich im Augenwinkel gesehen. Das liegt daran, dass mein Cousin gefühlt doppelt so groß ist wie ich und einfach den perfekten Überblick hat. Also ich hinterhergerannt und habe ich ihn, also Jochen Busse, gefragt ob ich ein Foto machen darf: „Aber natürlich, ist ja ihr Job.“ Ich war so platt von dieser außerordentlichen höflichen Antwort, dass ich das Foto verkackt habe. Man muss dazu sagen, normalerweise Frage ich nicht, niemals, und Jochen Busse hatte schon sichtlich Schlagseite, d. h. eine Mass zu viel, was ja auch der Sinn dieser Veranstaltung ist. Als Berliner Fotograf ist man es gewohnt sofort angepammt zu werden. Nicht so Jochen Busse oder wie wir Bayern sagen: Mens sana in copore sano. Es geht also!

Eine weitere Überraschung war, dass es jetzt vegane Vorspeisen in den Zelten gibt. Ich wäre beinahe von der Bierbank gefallen, als ich das gesehen habe. Zu meiner Beruhigung trug dann aber die Ansprache einer Gruppe junger Frauen einer Bedienung bei: „Na Mädels, was wollt ihr trinken?“ Dafür würde man im woken Berlin heute öffentlich gesteinigt werden. Hier ist die Welt noch in Ordnung! Ohne überhaupt nur zu Zucken wurde jeweils eine Mass (1 Liter Bier in einem großen Glas) bestellt. Leider durfte ich nichts trinken … Don‘ t Drink and Photograph! Alte Fotografenregel, egal wie gut man versichert ist. Aber egal wo ich mich dazusetzte oder sich jemand zu mir setzte, es entstand immer sofort eine freundschaftliche Atmosphäre und das „Du“ war die erstgewählte und empathische Ansprache.

Eine weitere woke Diskussion könnte sein, dürfen People of Color Lederhosen oder Dirndl tragen, ist das kulturelle Aneignung oder gilt das nur für uns weise Menschen mit Dreadlocks … seht Euch die Bilder an und entscheidet wohlwollend. Ich habe immer fest daran geglaubt, dass das Oktoberfest mehr zur Völkerverständigung beiträgt als jedes Goethe Institut. Saufen verbindet! Prosit! Nach der Wiesn ist vor der Wiesen. Wir sehen uns im nächsten Jahr auf einer friedlichen Wiesn 2023.

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